Basiswissen – Richtig bremsen

Bremssattel Pagani

Langsam rein, schnell raus. Was sich wie eine Sexualpraktik anhört, ist wohl der bekannteste Merksatz im Motorsport und das nicht ohne guten Grund. Das Mantra, wer bremst verliert ist nur bedingt richtig.

Konsequentes Bremsen trennt die Spreu vom Weizen und ist oft der entscheidende Faktor, der sich in den Rundenzeiten niederschlägt. Beides, sowohl die Bremsen als auch die Art wie man bremst, haben großen Einfluß auf die endgültige Platzierung im Rennen. Mario Andretti sagte mal: “Es ist erstaunlich wie viele Rennfahrer glauben, Bremsen wären nur dazu da, dass Auto zu verlangsamen.

Damit eine Kurve möglichst zügig durchfahren werden kann, muss die Geschwindigkeit vorher soweit reduziert werden, dass der Fahrer das Fahrzeug möglichst ohne weitere Korrektur des gewählten Lenkradeinschlags durch die Kurve steuern kann. Je nachdem wie viel und wie schnell Tempo raugenommen werden muss, bedient man sich unterschiedlicher Bremstechniken.

Bremsschlag

Beim Bremsschlag oder der Vollbremsung nutzt man unmittelbar das gesamte Potential das die Bremsen hergeben und ist auf dem letzten Stück, dem Teil der Strecke am Ende einer Geraden, am wichtigsten. Den optimalen Bremspunkt zu finden kann  schwieriger sein als man vermuten mag. Grundsätzlich sollte man immer  darauf achten, dass die Räder nicht blockieren, sondern an der  Haftungsbremse zu bremsen. Haftreibung ist höher als Gleitreibung und Anfänger sollten deshalb ruhig das ABS nutzen, auch wenn sich ohne ABS ein sehr viel späterer Bremspunkt finden läßt. Ohne ABS sollte man die Bremse im Fall blockierender Räder soweit lösen, dass der Reifen wieder Haftung aufbauen kann, aber die Verzögerung nicht unterbrochen wird. Das alles passiert in Bruchteilen von Sekunden und erfordert einiges an Praxis.

Generell sollte man lieber etwas früher auf der Bremse stehn, als sich zu verbremsen. Fährt man  zu schnell in die Kurve und verpasst den Scheitelpunkt, verliert man u.U. mehr Zeit, als wenn man früher bremst. Wichtiger ist es wie eingangs schon erwähnt, langsamer in die Kurve einzufahren um den Scheitelpunkt zu treffen und  möglichst früh wieder zu beschleunigen. Als Faustregel beim Durchfahren einer Kurve gilt deshalb die Reihenfolge: Bremsen – Lenken – Beschleunigen.

Trail- oder Nachbremsen

Diese Technik ist eine Alternative zum Bremsschlag und wird von vielen bevorzugt, obwohl sie im Gegensatz zur Faustregel erst zu bremsen und dann einzulenken steht. Hierbei fährt man bremsend in die Kurve und löst die Bremse nach und nach je näher man dem Kurven-Scheitelpunkt kommt. Die Bremskraft muss ohne ABS sehr viel stärker dosiert werden und erfordert ein Maximum an Gefühl und Fahrzeugbeherrschung. Dadurch, dass der Bremspunkt sehr spät gewählt werden kann und der Bremsdruck demnach später aufgebaut wird, findet man sich ohne genügend Praxis auch sehr schnell weit abseits des Kurveninneren.

Um diese Technik ordnungsgemäß durchzuführen, muss der Fahrer alle seine Sinne beisammen haben und in der Lage sein, dass Verhalten des Fahrzeugs und der Bremskraft in sehr engen Grenzen zu halten. Das erfordert natürlich auch eine gewisse Risikobereitschaft eine Kurve so anzubremsen und ist auch stark vom jeweiligen Kurventyp abhängig. Kurven mit abnehmenden Radius schreien förmlich nach dieser Technik. Übermäßige Bremskraft kann aber dazu führen, dass das Fahrzeug infolge stark untersteuert, oder – wenn die Bremsbalance ausgewogen ist - die hinteren Räder blockieren.

Wer diese Bremstechnik aber meistert, dem kann sie helfen, höhere Kurven-Geschwindigkeiten zu fahren. Ausserdem hat sie einen breiten Anwendungsbereich, da sie nicht nur zum Verzögern genutzt wird. Manchmal ist es hilfreich ein Fahrzeug in einer Kurve stabilisieren zu müssen und erreicht dies, indem diese Bremstechnik mit Gefühl und richtig ausgeführt, eine Gewichtsverlagerung verursacht, die sich  auf die Vorderräder verteilt.  Das reduziert untersteuern und erhöht die Traktion auf der Vorderachse, was deutlich das Einlenken verbessert. Gerade leichte Fahrzeuge mit einer Bremsbalance die weiter vorne liegt, profitieren davon.

Dadurch das mehr Gewicht vom Heck des Autos nach vorne auf die Vorderreifen verlagert wird, verursacht diese Technik aber auch ein leichtes Heck mit weniger Tarktion auf der Hinterachse, dass wiederum verwendet werden kann, um  ein Übersteuern einzuleiten und in der Driftszene stark Verwendung findet.

Motorbremse

Wer mit manueller Schaltung fährt, kann auch die Motorbremse unterstüzend einsetzen, indem zusätzlich  bei Bedarf Gänge runtergeschaltet werden. Die Idee dahinter ist es, den Motor einen Teil des Bremsvorgangs übernehmen zu lassen und die Bremsen zu entlasten, da der Motor weniger effktiv bremst als das Bremssystem, was wieder weniger Zeitverlust zur Folge hat. Manchmal reichts es auch aus, anstatt zu bremsen, nur ein wenig vom Gas zu gehen.  Zu abruptes runterschalten sollte aber vermieden werden, da es u.U. zu einem ausbrechendem Heck führen kann oder den Motor überdreht und bei aktivierten Schaden schnell ein Boxenstop ansteht. Hier ist sehr viel Harmonie zwischen Fahrer und Fahrzeug gefragt.

Handbremse

Für Rennfahrer macht diese Bremse wenig Sinn, wenn es nicht spektakulär aussehen soll, ausser man ist gezwungen ein untersteuerndes Fahrzeug mit der Handbremse abzufangen, indem man es zum übersteuern zwingt. In der Regel wird die Handbremse von Driftern genutzt um einen Drift einzuleiten.

 

Aber egal welche Bremstechnik man anwendet, kann es optional sehr hilfreich sein, dass Bremspedal oder den Trigger am Controller auf seine persönlichen Vorlieben einzustellen. Sowohl der Moment ab wann Bremsdruck aufgebaut wird, als auch die Position bei der man vollen Bremsdruck hat, lassen sich frei wählen und können das Bremsen angenehmer gestalten, denn richtig Bremsen ist nicht nur wichtig, sondern alles!

 

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Autor: A. Martin Alle Artikel von

7 Kommentare zu "Basiswissen – Richtig bremsen"

  1. veidi 20. Dezember 2011 um 12:49 -

    Schöner Artikel.

    Ich machs genauso, bremsen und erst dann einlenken.
    So braucht man erst ein wenig später abbremsen.
    Wenn man nämlich bremst und gleichzeitig lenkt ist die Bremswirkung, so kommts mir zumindest vor, um einiges schwächer.

    Oft glaubt man auch, dass man die Kurve nicht mehr schafft, aber wenn man konsequent weiter ohne zu lenken bremst, reichts dann meistens doch aus, da auf den letzten Metern die Bremswirkung nochmal zunimmt.

    • Stingray 27. Mai 2012 um 21:51 -

      Da hast du recht das hat damit zu tun das du einen Teil der Haftung die der Reifen maximal hat für die Lenkkraft benötigst. Das heisst wenn der Reifen maximal 100% “Grip” hat und du zu zu einlenken 60% der Haftung benötigst bleiben dir noch 40% die du für das Bremsen verwenden kannst. Wenn du aber stärker Bremst und diese 40% überschreitest wird das ABS einschreiten und die Bremse so lange lösen bis diese 40% wieder unterschritten sind und der Reifen wieder anfängt zu haften. Falls du das ABS abgeschaltet hast wird das Auto untersteuern und geradeaus rutschen bis du entweder die Bremse löst oder im Kiesbeet landest ;-)

  2. Chocolate 20. Dezember 2011 um 13:33 -

    Geht mir ähnlich. Ich habe auch das Gefühl, dass die Bremswirkung beim Lenken schwächer ist. Wird aber wohl daran liegen, dass die Trägheit des Autos nicht mit in die Kurve möchte und die Auflagefläche der Reifen niedriger ist, wenn man einlenkt. Da hilft wirklich nur konsequent auf der Bremse bleiben.

  3. elKazaam 20. Dezember 2011 um 20:23 -

    Trail- oder Nachbremsen

    Das ist genau mein Ding. So bremse ich am liebsten. Ist aber, wie im Bericht beschrieben mit Risiko behaftet, denn wenn man zu viel riskiert ist man schneller im Kiesbett als einem lieb ist.
    Manchmal mach ich auch die Brutalo-Bremse, Vollbremsung und Handbremse zusammen, ist aber sehr nervös.

  4. ak1504 24. Dezember 2011 um 10:49 -

    Nicht nur die Reihenfolge: Bremsen – Lenken – Beschleunigen ist wichtig sonder auch das diese Dinge voneinander getrennt ausgeführt werden sollten, um nicht unnötig Unruhe ins Fahrzeug zu bringen. Was meiner Meinung nach auch wichtig ist, wenn man ohne Fahrhilfen fährt, ist das richtige Herauslenken aus Kurven.
    Auch unterscheiden sich diese Vorgänge je nach Motorlage/Antriebsart des Wagens drastisch z.b. bei Ruf/Porsche bei denen es nur wie oben genannt nur mit langsam rein/schnell raus funktioniert. Auch muss ich einen heckgetriebenen Mittel/Heckmotor Wagen direkt nach dem Bremsvorgang zum Einlenken hin wieder mit ein bisschen Gas stabilisieren, da diese sehr empfindlich auf Lastwechsel reagieren und man sich sonst zwischen anbremsen und einlenken fix dreht. Sehr wichtig ist auch die Verzögerungseinstellung des Differenzials wenn man 2-wege Diff fährt, wo ich bei diesen Wagen eine ganz andere wie bei Frontmotor/Heckantrieb Wagen fahre.

    • Schrai 24. Dezember 2011 um 13:36 -

      Sehr gute Ergänzung. Das Lenken ist auch so ein Thema für sich. Nicht selten komme ich von der Strecke, weil ich die Lenkung unnötig früh aufmache.

    • A. Martin 24. Dezember 2011 um 13:59 -

      Wir werden die von ak1504 angesprochenen Punkte in einem künftigen Kapitel aufgreifen und vertiefen. Kurven und richtig lenken sind auch so eine Sache, wo er völlig Recht hat.

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